Viktor


Ein wahrer Zauberer auf dem Akkordeon
Der russische Akkordeonist Viktor Romanko spielte mit dem Akkordeus Uster

Das Konzert vom Wochenende in der katholischen Kirche Uster war aussergewöhnlich: ein musikalisches Zusammenspiel in zwei Halbzeiten: Die Runde nach der Pause wurde nicht vom Akkordeon Ensemble Uster Akkordeus selbst, sondern vom weltberühmten russischen Akkordeonisten Viktor Romanko bestritten.


Programm nach Ansage

Bereits in der Begrüssungsansprache wurde darauf hingewiesen, dass für den heutigen Konzertabend kein schriftliches Programm verfasst worden sei, weil der russische Star-Akkordeonist, der den zweiten Teil des Konzertes solistisch bestreiten werde, seine Musikauswahl der Stimmung des Publikums anzupassen gedenke und darum nicht im Voraus sagen könne, was gespielt werde.

Mit der «Sinfonia alla Barocco» von Ted Huggens eröffnete das Akkordeus-Ensemble. Die Varietät, die Vielseitigkeit begeisterte; die rund 20 Musikerinnen und Musiker bildeten eine einzigartige Klangeinheit, verstanden es, schwungvoll, rhythmisch ausgewogen und differenziert zu spielen. Unterstützt von einem Schlagzeuger schafften sie es, sich aufeinander einzulassen, auch in den vereinzelten Solopartien sauber einzusetzen und zu harmonieren. Pierrette Hohl leitete ohne Taktstock souverän und führte das Orchester und das Publikum durch mannigfaltigste musikalische Erfahrungen. Bald wähnte man sich in einem besinnlich-kräftigen Orgelkonzert, bald wurde man auf sanften Klangwellen in eine andere Welt entführt.

Als drittes und letztes Stück vor der Pause war für Akkordeus Rudolf Würthners Münchner Rhapsodie angesagt. Ein Werk, das zeigte, wie musikalisch vom Kleinen und Einsamen ins ganz Grosse und Bombastische gelangt werden konnte. Eine grossartige Leistung, nicht nur vom Orchester sondern auch von Pierrette Hohl, die ruhig und rhythmisch sicher führte.


Ein Solist der Extraklasse

Bereits zum fünften Mal sei er in der Schweiz auf Tournee, erklärte der russische Meister-Akkordeonist Viktor Romanko, der nach der Pause mit seinem Programm aufwartete. Mit dem Orgelkonzert in a-Moll von Johann Sebastian Bach eröffnete Viktor Romanko seine Solo-Halbzeit und verblüffte vom ersten Ton an durch seine Fingerfertigkeit und differenzierte Ausdrucksweise. Diesen Eindruck bestätigten auch die Sonate in c-Moll von Joseph Haydn und die ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Liszt. Der im Jahr 1953 geborene Viktor Romanko arbeitet heute als Professor am Ural-Konservatorium in Jekaterinburg in Russland. Er hat zahlreiche namhafte Wettbewerbe im In- und Ausland gewonnen.


Ein wandelbares Instrument

Viktor Romanko verstand es, alle Facetten seines Instrumentes aufzuzeigen und musikalisch zu illustrieren. Zwei Werke von Astor Piazolla boten Beispiel genug: einmal nachdenklich, sentimental, sanft, ruhig und melancholisch, und kurz darauf aufbrausend, arrogant, wild und ungestüm.

«Mein Hut, der hat drei Ecken», dieses Kinderlied diente Romanko als Basis für seine Improvisationen. Wünschen durfte das Publikum, in welcher Tonart es die Variationen dazu denn gerne gehört hätte: Fis-Dur! Der Künstler begann zu spielen, erst die Melodie, dann die Variationen, und seine Virtuosität und Kreativität brachte das Publikum nicht nur zum Lachen, sondern riss es zu Begeisterungsstürmen hin.

Dann wurde aus Zuschauerreihen «Mackie Messer» aus Weills Dreigroschenoper gewünscht. Romanko spielte die Melodie, verjazzte sie, spielte im 3/4-Takt. Von so viel musikalischem Witz, Charme und Virtuosität konnte das Publikum kaum genug kriegen. 

 Doris Gerber


Erschienen am Mittwoch, 1. Oktober 2003
© «Der Zürcher Oberländer» / «Anzeiger von Uster»