POP CORN

Ein Bericht über die erste AKKORDEUS-Filmnacht am 24. September 2000.

Ja, ähm, hallo. Also mein Name ist Pop. Pop Corn. Und hier bin ich jetzt. Eigentlich ist mir zwar gar nicht klar, wo genau ich bin und was das alles soll. Vor wenigen Stunden war ich nämlich noch ein friedlich schlummerndes, nichts ahnendes Maiskorn. Aber dann (die Erinnerung ist schmerzlich) wurde ich brutal in eine Bratpfanne geschmissen. Es war heiss um mich herum, zum Zerplatzen heiss sogar. Nach wenigen
Augenblicken, als ich es wieder wagte, um mich zu blicken, sah ich nicht ohne Stolz, dass aus mir, einem unscheinbar gelblichen Körnchen, ein Prachtexemplar von einem Popcorn geworden war. Mit Tausenden von Mitgepoppten wurde ich in eine Schüssel gepfercht und zum Transport bereitgestellt.

Und jetzt bin ich also hier, wie gesagt. In einem seltsamen Haus, dass wie ein überdimensionaler Harass aussieht. Zum Glück ist die Schüssel transparent und ich ganz unten am Rand positioniert, so kann ich nämlich beobachten, was um mich herum passiert. Der Raum ist vor kurzem verdunkelt worden, und nun ist mir schon etwas mulmig zu Mute. Man weiss ja, dass man irgendwann gegessen wird, alle sagen das immer, aber muss es wirklich schon jetzt so weit sein? Allmählich erscheinen Leute, fröhlich und gut gelaunt. Sie reden (und reden und reden, als ob sie sonst nie die Gelegenheit dazu hätten, wenn sie sich sehen...), und dann geschiehts auch schon: "Mhm, Popcorn!" Eine Hand greift in die Schüssel, ich höre ein leises Wimmern weit oben. Glück gehabt!

Nachdem es sich die Leute auf den bereitgestellten Sofas bequem gemacht haben, wird es auf einmal still. Die Ruhe vor dem Sturm auf die Popcorn-Schüssel!?Nein. Aber jetzt verstehe ich endlich, wohin es mich überhaupt verschlagen hat: an eine Filmnacht! Diese wird mit "A Fish called Wanda" eröffnet. Ich muss schon sagen: Es ist gar nicht so schlecht, sich als Popcorn wenigstens noch einen Film anschauen zu können. Ich schüttle mich vor lachen, muss mich manchmal auch an ein anderes Popcorn klammern, wenns ganz spannend wird. Fast hätte man da vor lauter Vergnügen vergessen, dass man ja zum Essen bestimmt ist, aber genau bei der Szene, wo Fische verschlungen werden, greift wieder eine Hand in die Schüssel (Kann man denn uns gegenüber nicht wenigstens ein bisschen einfühlsamer sein?).


Nun scheint die Gefahr vorerst gebannt: Rundherum werden Spaghetti gegessen, und diese scheinen zu schmecken, denn für Popcorn interessiert sich auf einmal niemand mehr. Ich versuche, wieder einige Satzfetzen aufzuschnappen, verstehe aber nicht viel. Soll mal einer unter so vielen Popcorns liegen und noch was verstehen! Irgendwie ists mal um etwas Musikalisches gegangen, und die Gruppe nennt sich glaub Akkordeus oder so ähnlich... Wie auch immer, ich fühle mich mit diesen netten jungen (naja, so nett Popcornverschlinger halt sein können) Leuten bald erstaunlich wohl.

Und schon wird der nächste Film gezeigt: Straight Story. Da fährt doch ein alter Mann mit einem Rasenmäher meilenweit durch Amerika. Menschen sind vollkommen unverständlich! Als dann aber am Ende ein Sternenhimmel erscheint, wird mir doch etwas melancholisch zu Mute. Werde ich jemals wieder unter freiem Himmel sein, so wie einst auf dem Maisfeld? Es bleibt wenig Zeit zum Überlegen, denn rasant geht's weiter mit dem nächsten Film: Taxi. Der Bestand der Zusehenden hat sich bereits erheblich verkleinert, und ringsherum ist ausgiebiges Gähnen zu vernehmen. Ich selbst kann natürlich nicht einschlafen, denn die Popcorn-Decke über mir wird dünner und dünner (und dünner).

Rush Hour, der nächste Film. Ich amüsiere mich köstlich. Viele Anwesenden tun dies jedoch höchstens  nur noch in ihren Träumen. Bald aber vergeht mir das Schmunzeln, ich werde mir wieder bewusst, dass mein Ende naht. Jeden Augenblick könnte einer der wenigen Wachgebliebenen in die Schüssel fassen, mich packen und verschlingen. Aber ich muss schon sagen: Eigentlich ist es ja eine Ehre, seinen letzten Abend beim Akkor------

René Gerber